Von Philipp Hedemann
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Ein halbes Jahr nach dem verheerenden Erdbeben ist der heute zehn Monate alte Sonish, der damals unversehrt aus den Trümmern geborgen werden konnte, eines der wenigen Hoffnungszeichen. Denn die Regierung hat bislang nicht mit dem Wiederaufbau begonnen. Tausende leben im Himalaya-Staat immer noch in Zelten und Notunterkünften und fürchten den nahenden Winter. Politik und Bürokratie behindern die Arbeit der Hilfsorganisationen.

Als die Soldaten den staubbedeckten Sonish vorsichtig aus den Trümmern zogen und ihn wie ein Heiligtum in die Höhe streckten, gab das erst vier Monate alte Baby Millionen Menschen Hoffnung. Am 25. April um 11.56 Uhr ließ das schwerste Beben seit 1934 in Nepal rund 900 000 Gebäude einstürzen. Auch das Haus von Sonishs Eltern hielt den Erschütterungen nicht stand, begrub das Baby unter sich. Beim Beben der Stärke 7,8 starben im Himalaya-Staat rund 8800 Menschen, mehr als 22 000 wurden verletzt. Doch Sonish wurde nach 22 Stunden fast unversehrt geborgen.

Ein halbes Jahr später liegen Teile des Landes immer noch in Trümmern, viele der bis zu drei Millionen obdachlos gewordenen Nepalesen leben nach wie vor in Notunterkünften – und sind wütend auf ihre Regierung. Zu wenig und zu langsam kümmere sie sich um den Wiederaufbau des von 27 Millionen Menschen bewohnten Landes. Doch Sonishs Mutter Rasmila hofft, dass ihr Baby den vielen Trauernden, Traumatisierten und Verzweifelten auch jetzt wieder Kraft geben kann.

 

Der strahlende Sonish
Der strahlende Sonish mit seiner älteren Schwester und seiner Mutter. Foto: Hedemann

Zufrieden trinkt Sonish an der Brust seiner Mutter. Auch als die Soldaten ihn vor einem halben Jahr aus den Trümmern befreiten, hatte Sonish zunächst nur einen Wunsch: Milch. „Nie zuvor hat Sonish so gierig getrunken. Nie zuvor habe ich so vor Glück geweint“, erzählt Sonishs Mutter, während sie ihren Sohn in der Königsstadt Bhaktapur stillt. Sobald Sonish satt ist, schnappt seine ältere Schwester Soniya sich den milchselig strahlenden kleinen Bruder und drückt ihm einen dicken Kuss auf die Stirn. Als die Erde bebte, war sie mit Sonish alleine zu Hause. In Panik rannte die Zehnjährige zur Tür, dann kehrte sie um, um auch ihren Bruder in Sicherheit zu bringen. Doch bevor sie ihn hinaustragen konnte, brach das Haus über den beiden Kindern zusammen. Soniya wurde nach vier Stunden leicht verletzt aus den Trümmern geborgen; ihren kleinen Bruder erreichten die Retter erst 18 Stunden später.

Am 15. Dezember wird Sonish ein Jahr alt. Zur Feier will seine Mutter dann auch die Soldaten einladen, die ihren Sohn retteten. „Wir werden jedes Jahr zwei Mal feiern. Ein Mal am Tag seiner Geburt und ein Mal am Tag seiner Rettung“, sagt die Mutter von Nepals berühmtesten Baby.

Seine Geschichte soll unserem ganzen Land Hoffnung machen

Zeitungen und Fernsehsender aus aller Welt berichteten über das „Wunder von Bhaktapur“, die Berichte nepalesischer Zeitungen hat seine Mutter ausgeschnitten. Sobald Sonish alt genug ist, will sie ihm erklären, dass er das bekannte Baby aus dem Staub ist. Eine kleine Narbe am linken Oberschenkel wird ihn ein Leben lang daran erinnern. Aus dem Jäckchen, das er bei seiner Rettung trug, ist er mittlerweile rausgewachsen. Seine Mutter hat es gründlich gewaschen und einer Freundin geschenkt, die gerade ein Baby bekommen hat. „Sonishs Kleidung soll auch diesem Kind Glück bringen. Und seine Geschichte soll unserem ganzen Land Hoffnung machen“, sagt die stolze Mutter.

Hoffnung – die kann Nepal in diesen Tagen gut gebrauchen. Denn bislang hat sich das Land kaum vom Erdbeben erholt. Vor allem in den schwer zugänglichen Gebirgsregionen sieht es vielerorts noch so aus, als hätte die Erde gerade erst gebebt. Zwar sind die Trümmer teilweise zur Seite geräumt, doch kaum ein Haus wurde bislang wieder aufgebaut. Zehntausende wohnen noch in zugigen aus Planen, Wellblech und Holz zusammengezimmerten Notunterkünften, viele traumatisierte Menschen schlafen wegen der immer noch anhaltenden Nachbeben in Zelten.

Divya Shresta möchte derzeit gar nicht unter einer schweren Betondecke schlafen. Sie saß am Vormittag des 25. April mit Bekannten im 4. Stock ihres Elternhauses, als das sechsstöckige Gebäude in der nordnepalesischen Kleinstadt Mankha wie ein Kartenhaus zusammenfiel. „Die vier Kinder neben mir waren sofort tot. Mit einem ebenfalls verschütteten Mann konnte ich mich am Anfang noch unterhalten, aber bald antwortete er nicht mehr“, erinnert sich die Studentin. Zunächst dachte sie, dass ihr Tränen übers Gesicht laufen, doch dann merkte sie, dass Blut aus einer großen Wunde an ihrer Stirn quoll. Bewegen konnte sie sich nicht. Ihr Kopf war zwischen Steinen eingeklemmt, ihr linker Arm lag unter einer Betonstrebe.

Divya konnte nur rufen. Nach drei Stunden drang schließlich ein Soldat zu ihr vor. Er zerrte an der jungen Frau, bekam sie jedoch nicht frei. Als er ihr sagte, dass er den eingeklemmten Arm abtrennen müsse, um sie zu befreien, schrie Divya. Dennoch nahm der Soldat eine alte Sichel und amputierte ihr den Arm oberhalb des Ellenbogens. Ohne Schmerzmittel. Erst drei Tage später erreichte die schwerverletzte Nepalesin das Krankenhaus in der 80 Kilometer entfernten Hauptstadt Kathmandu. Niemand hatte mehr damit gerechnet, dass sie überlebt – vor allem sie selbst nicht.

Der Wiederaufbau hat nicht wirklich begonnen

„Guck mal, so sah ich früher aus“, sagt Divya und zeigt Fotos aus der Zeit vor der Katastrophe auf ihrem Smartphone. Auf allen Bildern, die sie nach dem Beben gemacht hat, versteckt sie sorgfältig den Stumpf. „Ich bin doch noch unverheiratet. Wie soll ich jetzt bloß einen Mann finden“, fragt die 22-Jährige, die erst in ihre Heimatstadt zurückkehrte, nachdem ihre Familie von der Diakonie Katastrophenhilfe Wellbleche und Planen erhalten hatte, um eine provisorische Notunterkunft zu errichten. Zusammen mit ihren Partnern versorgte die Hilfsorganisation nach dem Beben mehr als 400 000 Erdbebenopfer unter anderem mit Wellblechen, Planen, Werkzeug, Decken, Wassertonnen, Hygienesets, Lebensmitteln und Saatgut.

Ausländische Hilfe ist auch ein halbes Jahr nach den verheerenden Erdstößen dringend notwendig. Denn der nepalesische Staat scheint mit der Bewältigung der Katastrophe völlig überfordert. Zwar barg die Armee viele der Verletzten und Getöteten und versorgte unmittelbar nach dem Beben die von der Außenwelt abgeschnittenen Menschen mit dem Nötigsten. Doch mit dem Wiederaufbau wurde bislang kaum begonnen – und in hoch gelegenen Regionen kann nun jederzeit der Schnee fallen.

Im September musste Govinda Raj Pokharel, Vorsitzender der neu gegründeten nationalen Behörde für Wiederaufbau, zugeben, dass die Regierung noch keinen einzigen Cent der zugesagten 3,6 Milliarden Euro, ausgegeben habe. Fast vier Monate hatte es gedauert, bis sich die 31 im Parlament vertretenen Parteien auf den Vorsitzenden der Wiederaufbaubehörde einigen konnten. Doch auch ein halbes Jahr nach dem Beben ist das Geld noch nicht bei den Bedürftigen in den schwer zugänglichen Bergregionen angekommen. Das liegt unter anderem daran, dass die Politik bis Mitte September weniger mit den Folgen des Bebens, sondern viel mehr mit der Verabschiedung einer neuen Verfassung beschäftigt war. Die Politiker argumentierten, dass nur eine neue, föderale Verfassung eine gerechtere Verteilung der Hilfsgelder ermöglichen könne. Zudem gab es keine Notfallpläne – und eine umständliche Bürokratie führte dazu, dass die Einfuhrzölle auf die sich am Flughafen stapelnden Hilfsgüter erst Tage nach dem Beben aufgehoben wurden. Proteste, Streiks und Treibstoff-Engpässe führten zu weiteren Verzögerungen.

Wir brauchen jetzt Hilfe – und nicht eine Verfassung, die man nicht essen kann

Viele Nepalesen verlieren angesichts des nahenden Winters die Geduld mit der Regierung. „Wir brauchen jetzt Hilfe – und nicht eine Verfassung, die man nicht essen kann“, sagt Bäuerin Hasina Tamang, die beim Beben nicht nur ihr Haus, sondern auch ihre gesamten Lebensmittelvorräte und ihre fünf Ziegen verlor. Sie ist fest davon überzeugt, dass die Regierung in Kathmandu sich bei der Bewältigung der Krise zu sehr auf ausländische Hilfe verlässt. Dagegen protestieren will die alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern trotzdem nicht. „Wenn wir kleinen Leute gegen die Regierung auf die Straße gehen würden, würden sie uns schlagen oder sogar auf uns schießen“, sagt die 30-Jährige.

Die in Nepal tätigen internationalen Hilfsorganisationen versuchen, die Regierung zu schnellem Handeln zu bewegen. „Wir haben Pläne für den Bau erdbebensicherer Wohnhäuser ausgearbeitet, aber wir können erst mit dem Bau beginnen, wenn die Regierung die Pläne endlich absegnet“, sagt Pinar Gökgün, Koordinatorin für Notfallhilfe und Wiederaufbau der Diakonie Katastrophenhilfe. Sollte die Regierung den Baubeginn weiter verzögern, werden viele Nepalesen spätestens, wenn der erste Schnee fällt, auf eigene Faust ihre Häuser wiederaufbauen, befürchtet sie. Beim nächsten Erdbeben würden diese wieder zerstört werden. Und das nächste Beben kommt in Nepal bestimmt.

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