Von Willi Germund
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Die Bilanz der beiden Erdbeben im Frühjahr in dem Himalaya-Staat: 9000 Tote, Hunderttausende von zerstörten Gebäuden. Das Interesse der Welt erlahmte rasch, während die Menschen unter den Spätfolgen leiden: fehlende Touristen, vernichtete Reisfelder, Missernten.

Der Park am Ende des Durbar-Platzes in Nepals Hauptstadt Kathmandu galt immer als eine Oase der Ruhe, abseits der engen Straßen, der vielen Autos und des ewigen, ohrenbetäubenden Hupens. Es gab Zeiten, in denen die 26 Millionen Bewohner des Landes am Himalaya mit einem gewissen Stolz auf die Mauern blickten, die den hinteren Teil des Narayan-Hiti-Palastes von der Außenwelt abschirmten. Es sollen die höchsten Mauern Nepals gewesen sein.

Als am 25. April ein gewaltiges Erdbeben mit der Stärke 7,8 die Hauptstadt Kathmandu sowie zahlreiche weitere Städte und Dörfer in Schutt und Asche legte, rund 600 000 Gebäude zerstörte und Nepal die tödlichste Katastrophe seiner Geschichte bescherte, stürzte auch ein Teil der Mauern rund um das 38 Hektar große Palastgelände ein. Doch die Trauer über diesen Schaden hielt sich in Grenzen. Denn die Überlebenden waren damit beschäftigt, weiter zu überleben und die rund 9000 Toten zu bergen und zu beerdigen, die das lange befürchtete Beben gefordert hatte.

Kein einziges, hohes Gebäude in Kathmandu ist noch bewohnbar

Andere waren froh, dass der Palast längst keine Monarchen mehr beheimatete und als Museum diente. So bot der weitläufige Park viel Platz für die Notunterkünfte. Denn kein einziges Gebäude mit mehr als sechs Stockwerken in Kathmandu war nach dem Beben noch bewohnbar. Das galt auch für die modernen Apartmentblocks, die seit dem Jahr 2006 im Kathmandu-Tal in der Nähe des Palasts gebaut worden waren. Sie konnten dem Beben nicht standhalten. Dabei waren sie in einer Art architektonischer Herausforderung und Abrechnung mit der Monarchie entstanden.

Als König Gyanendra noch in jenem Palast wohnte, der nach dem hinduistischen Gott Narayan, einer Inkarnation von Vishnu, sowie nach Hiti, einem in Kathmandus Mythos tief verwurzelten „Wasserschnabel“ benannt wurde, durfte kein Gebäude in der Umgebung höher sein als der 1970 gebaute Sitz der seit 1768 herrschenden Shah-Dynastie. Der republikanische Bauboom nach der Abschaffung der Monarchie im Jahr 2006 erwies sich beim Erdbeben als fatal.

Nepal hatte wenig Glück mit seinen Monarchen. König Gyanendra, ein passionierter Jäger, erwies sich schnell als überfordert. Der letzte Monarch der Shah-Dynastie schaffte das Parlament ab und glaubte, mit autoritärer Hand das zerklüftete Land mit Tausenden von kleinen lokalen Konflikten und gegensätzlichen Interessen unter dem Dach der Monarchie vereinen zu können. Er setzte auf die Streitkräfte, um die erstarkende Widerstandsbewegung der Maoisten zu bekämpfen, die weniger von China als vornehmlich von Indien unterstützt wurde.

Der mächtigste Mann auf dem Dach der Welt war plötzlich ein Maoist

Gyanendras Kampf war aussichtslos. Die Streitkräfte stimmten schließlich einem Waffenstillstand zu. Bei Wahlen zu einer Verfassungsgebenden Versammlung gewannen die Maoisten eine deutliche Mehrheit. Die Monarchie wurde abgeschafft. Gyanendra musste aus dem Palast ausziehen, Nepal wurde Republik. Statt des Königs war plötzlich ein Maoist namens Pushpa Kamal Dahal (besser bekannt unter seinem Kampfnamen Prachanda) der mächtigste Mann auf dem Dach der Welt. Eine bemerkenswerte Kehrtwende in einem Land, das (eingezwängt zwischen die beiden riesigen Nachbarn China und Indien) als vorläufig letztes Land in Asien seine Monarchie abschaffte.

Doch Ruhe brachte dies dem ehemaligen Königreich nicht. Denn statt revolutionärer Umwälzungen am Himalaya praktizierten die Maoisten einen altbekannten Schlendrian – und erwiesen sich vor allem als geschäftstüchtige Kapitalisten. Prachanda, Nepals maoistischer Führer, versuchte gar nicht erst, in die Fußstapfen von Chinas Mao Zedong zu treten. Er folgte den ausgetretenen Pfaden traditioneller Politiker. „Nepal ist eine Acht-Parteien-Diktatur“, klagt der angesehene Journalist Yubaraj Ghimire, Chefredakteur der Tageszeitung Annapurna Post. „Alle politischen Führer haben jeder Verantwortung entsagt und kein Versprechen erfüllt. Aber sie bleiben an der Macht, ohne Volk und Parlament Rechenschaft abzugeben.“ Eine verheerende Bilanz für ein Land, das 2006 auf einen Neuanfang gehofft hatte.

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Fast ein halbes Jahr nach dem katastrophalen Erdbeben rühren sich nun trotz des Ausnahmezustands die politischen Kräfte, die lange in den Himalaya-Schluchten schlummerten. Aufgeschreckt durch die Naturkatastrophe, einigten sich die Politiker in Kathmandu auf eine Verfassungsreform, die Nepal zu einem säkularen Staat erklärt. Das gefällt den rund 20 Prozent der 26 Millionen Nepalis, die allen möglichen Religionen folgen, und vielen der 103 ethnischen Gruppen, die ebenso viele Sprachen sprechen. Aber viele Hindus, die insgesamt etwa 80 Prozent der Bevölkerung stellen, blasen zum Aufstand

Zum Teil fühlen sie sich durch indische Hindu-Nationalisten ermutigt, deren Premierminister Narendra Modi seiner Partei „Bharatiya Janata Party“ (BJP) weitgehend freie Hand bei der Neuformulierung indischer Geschichte gibt. Die BJP strebt systematisch die Kontrolle über kulturelle Institutionen an.

Die Belagerungsmentalität hat inzwischen auch viele hinduistische Nepalis ergriffen, die in den südlichen Ebenen des Himalaya-Staates entlang der Grenze zu Indien leben – immerhin 51 Prozent aller Nepalis. Regionale Führer mobilisieren gegen die „Hill-People“, die Bergmenschen, die Nepal schon seit Jahrhunderten regierten und den Menschen in den Ebenen nahe Indien ihren Willen aufzwangen.

„Die Politiker haben das im stillen Kämmerlein ausgeheckt“

Nun soll das Dach der Welt eine föderale Struktur erhalten. Die Parteien haben sich auf sechs Provinzen geeinigt, weil sie keine Regionen nach ethnischen Grenzen bilden wollen. „Die Politiker haben das im stillen Kämmerlein ausgeheckt“, sagt Ghimire. Der 45-jährige Deepah Prajaput zuckt angesichts der neuen alten Geburtswehen der Republik mit den Schultern. „Was soll man von denen schon erwarten?“ Er sitzt in einer Ecke seiner kleinen Herberge namens „Hotel Traditional“ im Städtchen Bhaktapur, rund eine Stunde Autofahrt von Kathmandu entfernt.

Das frisch renovierte Gebäude war gerade fertig, als das zweite schwere Erdbeben Nepal erschütterte. Das Hotel blieb fast unversehrt – aber auch fast unbesucht. „Diese Saison können wir wohl vergessen“, vermutet auch seine 16-jährige Tochter, die von Bhaktapur täglich zur Schule nach Kathmandu pendelt. „Aber wir müssen zuversichtlich bleiben.“

 

Nepal.Familie

 

Das fällt vielen Dorfbewohnern, die nur ein paar Dutzend Kilometer entfernt leben, deutlich schwerer. Viele hausen trotz der Regenzeit immer noch in provisorischen Unterkünften. Dutzende von Erdrutschen während des Monsuns der vergangenen Wochen haben die Felder vernichtet. Fast 200 Menschen kamen ums Leben. Jetzt traut sich niemand mehr auf die Felder. Und ohne Ernte droht der Hunger, die Katastrophe nach der Katastrophe. Die Regierung agiert weiter in Zeitlupe. Wie jetzt herauskam, hat sie von den umgerechnet 3,6 Milliarden Euro an zugesagten Hilfsgeldern der Weltgemeinschaft noch nichts angefordert. Mit anderen Worten: Noch kein Wiederaufbau-Projekt wurde begonnen.

Das Erdbeben forderte sogar bei Nepals Ungeborenen seinen Tribut. „Normalerweise gehen wir von rund fünf Prozent Frühgeburten aus“, sagt das UN-Kinderhilfswerk Unicef in Kathmandu. „Aber hier waren es nach dem Erdbeben 15 Prozent.“ Viele Frauen müssen kurz vor der Geburt zudem einen beschwerlichen Weg über riskante Pfade hinter sich bringen, obwohl sie bereits von Wehen geplagt werden. Rund 70 Prozent der Beratungsstellen in den betroffenen Regionen wurden von den zwei Erdbeben und zahlreichen Nachbeben beschädigt oder zerstört.

Dabei hatte Nepal in den Jahren 2000 bis 2013 die Müttersterblichkeit von 490 auf 190 pro 100 000 Geburten senken können. Dieser bemerkenswerte Fortschritt wird nun von den Folgen des Erdbebens ebenso bedroht wie von der Regenzeit. „Bei uns sind die ersten Frösche in der Unterkunft aufgetaucht“, sagt die 21-jährige Mutter eines vier Wochen alten Jungen. „Wo Frösche auftauchen, sind die Schlangen nicht weit.“

 

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